Tut ench Amun-Skandal?

Der Tut-ench-Amun-Skandal

Wow, mit diesem Titel sichern sich die beiden Autoren G.F. Lothar Stanglmeier und Beat Biffiger die Aufmerksamkeit gleich mehrerer Zielgruppen. Speziell wenn noch behauptet wird "Es war alles ganz anders".
Nun ist weder Tut noch seine Zeit für mich von besonderem Interesse, daher ist die Veröffentlichung des Buchs im Frühjahr 2005 spurlos an mir vorübergegangen, bis einer der Autoren seine These auf dem World Mystery Forum von Erich von Däniken im November 2005 vortrug, und die Diskussion darum am 7. November 2005 auf unser Forum schwappte.

Holger (Isenberg?) machte den Anfang mit der Frage

Es war als Neuentdeckung beim AAS-Treffen angekündigt worden: Als Grabbeigabe von Tut-Ench-Amun sei damals mindestens eine 30m lange Papyrusrolle entdeckt worden, andere sprechen sogar von einer ganzen Kiste voller Rollen. Der Ägyptologe Steindorff erwähnt sie kurz in seinem Buch aus dem Jahr 1922 (oder war es 27?).

Hm, interessante Frage. Papyrus oder nicht hatte mich bislang nicht interessiert. Aber wenn jemand wie Steindorff darüber berichtet, wird wohl was dran sein. Leider konnte ich kein Buch von ihm finden, welches in dem angegebenen Zeitraum erschienen sein sollte. Mein Kolleg Rainer Lorenz bestätigte meinen ersten Eindruck:

Ich habe hier eine vollständige Bibliographie von Steindorff. Soweit ich sehen kann, hat er nur einmal explizit über dieses Thema geschrieben, und zwar zusammen mit Walther Wolff: Die Thebanische Gräberwelt, Leipzig 1937. Dieses Buch, das ich blöderweise habe, kennt keinen solchen Satz. klick hier

Eine Suche bei Heidi, der Universitätsbibliothek Heidelberg, ergab aber, dass die beiden auf Deutsch veröffentlichten Bände des Tut-Entdeckers Howard Carter unter dem Suchbegriff "Steindorff" aufgelistet wurden - weil dieser in beiden 1924 und 1927 veröffentlichten Bänden je ein Kapitel beigesteuert hatte. Es sind die einzigen Schriften, die in Frage kommen können - und rein zufällig habe ich diese vor einiger Zeit in einem Antiquariat entdeckt und gekauft - man weiß ja nie, wann man sie mal brauchen könnte :-)
Um es kurz zu machen: In beiden Bänden steht nichts über gefundene Papyrusrollen, ja sogar im Gegenteil, die ABWESENHEIT dieser wird als Besonderheit hervorgehoben. Aber dazu später.

G.F.L. Stanglmeier

Zuerst interessierte mich die Person Stanglmeier, der von der bekannten Däniken-Biografin Tatjana Ingold recht fulminant eingeführt wurde:

Fände es übrigens interessant, wenn sich ein Ägyptenspezialist aus diesem Forum mal mit dem Bericht von Stanglmeier auseinander setzt. Stanglmeier ist ein Top-Journalist und knallharter Rechercheur. Der schreibt nichts "einfach nur so". klick
und
"PS: Ja, ich höre jetzt schon die ewigen Skeptiker in diesem Forum, die sich nicht mit Stanglmeiers Bericht beschäftigt haben, aber natürlich dennoch genau wissen, dass es alles nicht so gewesen sein kann. Auch wenn einer der härtesten deutschen Journalisten nach mehrjähriger Recherche der Meinung ist, dass hier irgendwer - aus was für Gründen auch immer - die Papyrusrollen unterschlagen hat und unter Verschluss hält." klick

Top-Journalist und knallharter Rechercheur? Zu diesem Ruf muß er ja irgendwie gekommen sein, also machte ich mich auf die Suche im Internet, wo wohl jeder der in der Öffentlichkeit ist seine Spur hinterlassen hat. Ergebnis? Nichts, nada, niente. Außer seinen beiden Büchern (ja, außer dem Tut-Skandal veröffentlichte er noch ein Buch über "noch zu entdeckende Pharaonenschätze") konnte ich nicht die geringste Spur entdecken. Tja, da muß man wohl die Leute fragen, die sich so gut mit ihm auskennen:

"T.I.>Auch wenn einer der härtesten deutschen Journalisten Ist das eine Selbstbehauptung? Außer den zwei Schwurbelbüchern habe ich über Stanglmeier nichts gefunden... Außer dem dünnen Kommentar "G.F.L. Stanglmeier, Jahrgang 1956, ist freier Journalist und Buchautor." klick
und
"Momentan kann ich nichts sehen, was den reißerischen Titel des Buchs rechtfertigt. Da Du ja einiges über die "knallharten Hintergründe" von Stanglmeier zu kennen scheinst, wäre es nett wenn Du vielleicht mal ein paar Hintergrundinformationen beisteuern könntest. Googelmäßig ist er nämlich ein schwarzes Loch." klick

Leider blieben diese Fragen unbeantwortet, wie in derartigen Diskussionen üblich brachen die Vertreter der Pro-Seite die Diskussion ab als konkrete Fragen gestellt wurden. Tatjana Ingold machte den Anfang:

"Nur ganz kurz als Antwort, da ich schlichtweg nicht die Zeit habe, den ganzen Tag im Forum zu verbringen..." klick

Allerdings klang die Einführung des Autors aber so reißerisch, dass ich das Wirken von Däniken zu erkennen meinte. Markus Pezold von Mysteria 3000, der die Veranstaltung besucht hatte, konnte ein wenig Licht ins Dunkle bringen. In der Tat stammte die Charakterisierung von Stanglmeier aus "offizieller" PS-Feder: Ulrich Dopatka kündigte Stanglmeier so bei seinem Vortrag an. Aber, so Markus Pezold, dieser wies die Ankündigung ein wenig kleinlaut zurück und verwies darauf, dass sein Kollege Beat Biffiger eher der mit der Recherche sei...
Tja, hier kommen wir wohl nicht weiter. Kehrten wir zurück zum Inhalt der Behauptungen.

Die Behauptungen

Freundlicherweise fassten einige, die den Vortrag besucht oder das Buch gelesen hatten die Behauptungen zusammen. Tatjana Ingold machte auch hier den Anfang:

So, hab mir nochmal die Passagen aus dem Ägypten-Vortrag angesehen, kurz zusammengefasst:
  1. Im ersten Zeitungsbericht überhaupt, der über die Öffnung des Grabes geschrieben wurde und ausschliesslich auf den Angaben von Carter beruht, steht das Zitat von Carter: "Wir haben die Truhen noch nicht geöffnet, aber es gibt dort einen Kasten voller Papyrusrollen".
  2.  
  3. Später schreibt der Geldgeber von Carter (Lord Carnarvon) an den Kurator des Ägyptischen Museums in London: "Wir haben Papyrusrollen gefunden. Ich weiss aber nicht, ob es noch mehr gibt, da wir noch nicht alle Kisten geöffnet haben."
  4.  
  5. 3 Wochen später ändern Carter und Lord Carnarvon plötzlich ihre Meinung und revidieren ihre damaligen Aussagen: "Wir haben doch keine Papyrus-Rollen gefunden, es handelt sich um einen Irrtum aufgrund der Beleuchtungsverhältnisse bei Kerzenschein." (Anm.: Es wurde nie im Licht von Kerzen das Grab untersucht).
  6.  
  7. Zu dem Zeitpunkt, als die beiden das Dementi herausgaben, befand sich der beste Philologe der damaligen Zeit, E. Gardener, bei den Ausgrabungen, der extra nach Ägypten anreisen musste um die vermeintlichen Papyrusrollen zu untersuchen.
  8.  
  9. Dann zeigte Stanglmeier einen Bericht über "Tut-ench-amun und seine Papyri", in dem steht, dass Carter bestätigt, Papyri im Grab gefunden zu haben, die "den wahren und skandalösen Auszug der Juden aus Ägypten" zum Inhalt hätten. Diese Aufzeichnungen belegen, dass Howard Carter zu seinem Vortragsmanager Lee Kidik (oder so ähnlich) andere Aussagen über die Entdeckung des Grabes und die darin enthaltenen Papyri getroffen hat, als in der Öffentlichkeit.
  10.  
  11. Zu seinem Manager berichtete Carter zudem, dass in dem Sarkophag "persönliche Gegenstände und historische Rollen aus der Zeit der kontroversesten Geschichte" zum Vorschein kamen.
  12.  
  13. Prof. Georg Steindorf, Professor der Uni Leipzig in den 20er Jahren, und eine absolute Koryphäe für Ägyptologie Anfang des 20. Jahrhunderts, schrieb über die Graböffnung "Ausserdem ist der Mumie ein Totenbuch beigegeben, eine über 30 Meter lange Papyrusrolle, die mit farbigen Bildern von grösster Feinheit geschmückt ist."
 
Stanglmeier verfolgt nun eine Spur in den USA, um an sämtliche Aufzeichnungen von Prof. Steindorf, der als Jude in die USA emigriert ist. "Warum diese Rollen nie aufgetaucht sind, darüber kann man nur spekulieren. Aber wenn es wirklich Schriften über den Exodus waren, dann bergen diese Texte eine sehr hohe Brisanz.", vermerkte Stanglmeier.  
Sorry, wenn ich es nicht besser und mit genaueren Angaben zusammen fassen kann. Wen es wirklich interessiert, der kann alle Angaben mit Namen und Quellen in Stanglmeiers Buch nachlesen. klick

Das klingt interessant, aber mich interessierte nun, was das denn mit Paleo-SETI und Däniken zu tun hat. Darauf antwortete ebenfalls Tatjana:

" Der AAS-Zusammenhang ist folgender:
Angeblich berichten die Papyrusrollen von dem Exodus der Juden aus Ägypten. Da dort möglicherweise eine Beteiligung Jahwes im Spiel ist (Manna-Maschine, Wolkensäule, Feuer...) wären Details über diesen Auszug durchaus interessant. Das ganze geht zu den Wurzeln drei grosser Weltreligionen - und damit wäre auch ein Motiv vorhanden, weswegen man bestimmte Texte nicht unbedingt veröffentlichen will." klick

Nun hat die gesamte Geschichte bereits ein großes Startproblem: Es gibt nicht den geringsten archäologischen Hinweis darauf, daß so etwas wie ein Exodus tatsächlich stattgefunden hat. Noch nicht mal in Israel selbst gibt es Anzeichen dafür, dass ein fremder Stamm eingewandert ist und das Land Kanaan unterworfen hat. Dies sind Erkenntnisse, die langsam seit den 1950er Jahren heranreiften, Carter und seine Zeitgenossen hingegen waren noch von der historischen Authentizität des Exodus überzeugt.
Pertti kommentierte in dem Zusammenhang:

"Nach dem Zusammenbruch der kanaanäischen Stadtstaatenkultur am Ende der Bronzezeit im 13./12. Jh. wurden verstärkt offene Dörfer und Gehöfte in den waldigen Bergregionen gegründet. Die materielle Kultur dieser Siedlungen (Keramik...) führt letztlich die Kultur der kanaanäischen Stadtstaaten weiter, wiewohl auf deutlich niedrigerem Niveau. Zu deutsch: Die Töpfe, Krüge und Schalen waren etwas einfacher gebaut, die Verzierungen simpler als zuvor bei den Kanaanäern in den Städten, aber sie hatten dieselben Formen und Muster.
 
Wäre da ein Volk von auswärts (Ägypten z.B.) eingeritten, so hätte es seine eigene Kultur mitgebracht. Oder die, die es sich in jenem Land angeeignet hätte, in dem es sich 430 Jahre lang aufhielt. Ist aber nicht passiert. Die kulturelle Kontinuität der neuen außerstädtischen Bergsiedler mit den kanaanäischen Stadtstädtern ist unübersehbar und läßt nur den Schluß zu: Israel ist aus Kanaanäern entstanden, nicht von außen eingewandert." klick

Die Wahrscheinlichkeit, daß es so etwas wie Exodus-Papyri geben könnte ist daher schon recht gering.
Zudem sind einige der Argumente keine, lange geklärt, oder haben nichts mit der Sache zu tun (eben richtig GreWi-mäßig).
Fangen wir an mit 1-3, den Kerzenbeleuchtungen.
In der Tat scheint Carter eine entsprechende Pressemitteilung nach der Öffnung der Vorkammer herausgegeben zu haben, dies möchte ich an der Stelle daher überhaupt nicht bestreiten. Er selbst geht aber im Vorwort seines Grabungsberichts darauf ein und gibt an, dort Fehler gemacht zu haben - weswegen er verspricht, in Zukunft vorsichtiger zu sein:

"Derartige Fehler möchten wir vermeiden. ... Sie werden verstehen, daß der Bericht möglicherweise später Berichtigungen erfährt, entsprechend der Tatsachen, die sich beim Fortschreiten unserer Arbeit ergeben.
Als wir beim matten Schein einer Kerze die erste flüchtige Untersuchung der Vorkammer vornahmen, glaubten wir, einer der Kästen (Nr. 101) enthalte Papyrusrollen. Unter einer starken elektrischen Lampe stellten sie sich später als Leinwandrollen heraus, die aber immer noch eine gewisse Ähnlichkeit mit Papyrusrollen behielten. Das enttäuschte natürlich und ließ die Vermutung aufkommen, der historische Wert unserer Entdeckung werde, verglichen mit dem kunstgeschichtlichen, wegen des Fehlens von den König Tut ench Amun und die politischen Wirren seiner Zeit betreffenden Nachrichten unbedeutend sein."[ 1 ]

Damit hat sich die Zeitungsmeldung über gefundene Papyri als Beweis für dunkle Machenschaften bereits erledigt - denn Carter gibt's selber in seinem eigenen Buch zu! Die Jagd nach diesem "Beweis" können wir uns also sparen. Das gilt übrigens noch für eine weitere Verschwörungsvermutung, aber dazu später.
Allerdings wurde von verschiedenen Stellen angezweifelt, dass Carter jemals mit Kerzen Untersuchungen durchführte. Stanglmeier schloß das wohl beim Vortrag kategorisch aus (so interpretiere ich Tatjanas Anmerkung zu (3) )
In der Tat gibt es hier einige Widersprüche. Chris Oglivie Herald, Autor des Buchs "The Exodus Conspiracy" (welches dasselbe Thema hat wie Stanglmeiers Werk - staun) informierte mich über Äußerungen des Carter-Geldgebers Lord Carnarvon, der gegenüber der Presse vermerkte, dass man mit der Lage des Grabs Glück habe, da direkt benachbart ein touristisch erschlossenes Grab mit Stromanschluß liege von dem man Strom abgezweigt habe. Man habe daher ständig elektrisches Licht zur Verfügung gehabt.
Inzwischen ist auch Stanglmeiers Buch bei mir eingetroffen, und er kritisiert im Prinzip dieselbe Geschichte wie Oglivie-Herald. Er weist darauf hin, dass nur ein ganz kurzer Blick per Kerze durch ein Loch geworfen wurde.
Das schreibt Carter, der auch das Grabungstagebuch führte. Demnach wurde die erste Examination der Vorkammer durch das Sondierungsloch in der Tat mit einer Kerze durchgeführt:

...dann erweiterte ich das Loch, führte eine Kerze hindurch und spähte hinein, während Lord Carnarvon, Lady Evelyn and Callender neben mir standen, begierig, den Urteilspruch zu hören.
"Zuerst konnte ich nichts sehen, da die aus der Kammer entweichende heiße Luft die Kerze zum Flackern brachte. Als meine Augen sich aber an das Licht gewöhnten, tauchten bald Einzelheiten im Innern der Kammer aus dem Nebel auf, seltsame Tiere, Statuen und Gold - überall glänzendes, schimmerndes Gold! Für den Augenblick - den andern, die neben mir standen, muß es wie eine Ewigkeit erchienen sein - war ich vor Verwunderung stumm."[ 2 ]

Die Kritiker bemerken allerdings korrekt, dass Carter unmittelbar nach dieser Passage von "elektrischem Licht" spricht:

"Dann erweiterten wir das Loch, so dass wir beide durchsehen konnten, und führten eine elektrische Lampe ein." [ 3 ]

Kritiker sehen dies als Bestätigung, dass die komplette Untersuchung der Vorkammer bei starkem elektrischen Licht durchgeführt wurde und Carters Kerzenargument daher hinfällig ist. Dies ist aber aus mehreren Gründen nicht so.
Zuerst gibt es einen Abschnitt in den nicht veröffentlichten Tagebücher Carnarvons, der tatsächlich auf eine Kerzenuntersuchung hinweist. Veröffentlicht ist er im Buch von Collins / Oglivie-Herald, nur nehmen sie ihn irgendwie nicht zur Kenntnis. Und beim "knallharten Rechercheur" Stanglmeier scheint die Passage ebenfalls nicht angekommen zu sein.

Anmerkungen:
[1] Carter, Howard; Tut ench Amun Band 1, Brockhaus 1924, S. 8, 9
[2] Ercivan, Erdogan; Das Sternentor der Pyramiden, Bettendorf 1997, S. 83
[3] Erläutert in: Lauer, Jean-Phillipe; Das Geheimnis der Pyramiden, Herbig 1980, S. 37 f
[4] Clarke, Somers & Engelbach, Reginald; Ancient Egyptian Masonry, London 1930, S. 201 (Übersetzung durch mich)
[5] Brunner-Traut, Emma; Alltag unter Pharaonen, Herder 1998, S. 245
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Alle Bilder und Texte © Frank Dörnenburg