Petries Messungen

Petries Messungen

Die Demontage der Zahlenmystik erfolgte nicht durch einen Gegner der Idee, sondern durch einen Anhänger. Es ist eine schon fast tragische Geschichte einer Jugendfreundschaft. Der größte Vorreiter der Thesen war der angesehene schottische Astronom Piazzi Smyth, und dessen Zerstörer war der Sohn seines ältesten Jugendfreundes, Flinders Petrie.
William Petrie, der Vater von Flinders, lernte Smyth im Alter von 15 Jahren kennen. Dieser war zu der Zeit Assistent am Observatorium in Kapstadt, wo die Petries damals lebten. Smyth war der Assistent von William Herschel, dem Sohn des bekannten John Herschel, und beide gehörten einer Christlich-fundamentalistischen Vereinigung an, die den Herrschaftsanspruch der Weißen Rasse (natürlich speziell der Engländer) biblisch belegen wollten.
Diese Vereinigungen, von denen es im victorianischen England etliche gab, waren davon überzeugt, daß neben allen anderen Großbauten in Ägypten auch die Pyramiden nicht von Ägyptern, sondern von (natürlich weißhäutigen) israelitischen Sklaven erbaut worden waren. Und daß einer der vertriebenen 12 Stämme Israels die Vorväter der Engländer gewesen sind.
Dies färbte auch auf Piazzi Smyth und die Petries ab. Nach der gemeinsamen Heimkehr nach England gab es im Hause der Smyths regelmäßige Debatten über das Thema, zu dem auch andere Prominente aus Englands gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Umfeld kamen.
William Petrie hatte sogar eine kurze Affäre mit einer Schwester Smyths, bevor er ebenfalls bei den Smyths seine spätere Ehefrau Ann Flinders kennenlernte.
In diesem Umfeld wuchs Flinders Petrie, der Begründer der modernen Ägyptologie, auf.

William Petrie war ein begabter Erfinder, leider hatte er mit der Vermarktung seiner Ideen wenig Erfolg. So konstruierte er bereits 1848 eine selbstregulierende elektrische Bogenlampe, die an Lichtstärke alles übertraf was bislang existierte - aber seine Vermarktungsfirma ging Bankrott. Er erfand ein revolutionäres Messgerät zur Triangulation, aber die Verhandlungen über eine Vermarktung mit dem Britischen Militär zog sich so in die Länge, daß nachher ein französischer Ingenieur die Idee einfach stahl. Aber gerade dieses kreative Umfeld war wichtig für den weiteren Weg des kleinen Flinders.
Um 1860 beschloss Smyth, endlich seinen Traum zu verwirklichen und die Große Pyramide in Giza zu vermessen. 1867 erschien sein mehrbändiges Werk "My life at the Great Pyramid" - und war zu der Zeit schon veraltet. Weil ein von ihm angeheuertes Ingenieursteam in der Zwischenzeit das wichtigste Maß, die Pyramidenbreite, nach unten korrigiert hatte.
So beschloss William Petrie, mit eigens entwickelten Messinstrumenten- und Verfahren den #*$% Ingenieuren uns anderen Kritikern der Zahlenrätseln ein für alle mal "den Mund zu stopfen".[1]
William war nach Fertigstellung der Instrumente bereits zu alt und zu schwach, um persönlich nach Ägypten zu fahren, und so übernahm sein Sohn Flinders diese Aufgabe. Und vermaß die Pyramiden von Giza im Jahre 1880 mit noch nie dagewesener Präzision. Und kam 1883 zu folgendem deprimierenden Ergebnis:

"Zu den Ergebnissen dieser Untersuchung werden wahrscheinlich viele (Zahlen)Theoretiker mit einem Amerikaner übereinstimmen, der mich als begeisterter Anhänger der Pyramidentheorien in Giza besuchte. Ich hatte das vergnügen, ihn einige Tage als Gast zu begrüßen, und bei unserem letzten gemeinsamen Essen sagte er in traurigem Ton:
«Nun, Sir. Ich habe das Gefühl, als sei ich bei einer Beerdigung.«
Richtig, geben wir den alten (Pyramiden)Theorien ein würdiges Begräbnis. Aber achten wir darauf, daß wir neben den toten (Theorien) in unserer Hast nicht auch die nur Verwundeten mit begraben.[2]

Ursache dieser traurigen Worte war das Fazit von Petries Vermessungskampagne: Ausnahmslos alle Maße, die bislang als Basis der Pyramidengeheimnisse verwendet wurden, waren falsch. Und damit alle bisherigen Theorien hinfällig, die Naturkonstanten oder mathematische Verhältnisse in ihnen sehen wollten. Das endgültige Aus. Nach nur 13 Jahren mußte man die Pyramidenrätsel zu Grabe tragen. Aber warum? Was hatte er den anders gemacht als seineVorgänger? Warum soll man seinen Werten mehr vertrauen?

Petries Messungen

Auf den folgenden Seiten möchte ich daher zeigen, wie die unterschiedlichen Gruppen zu ihren Ergebnissen kamen, und warum wir heute so bestimmt sage können, daß Smyth und seine Anhänger falsch lagen.

Wie im vorherigen Teil zu lesen war, war das äussere der Pyramide immer noch unzugänglich. Piazzi Smyth hatte zwar das Innere der Pyramide mit großer Sorgfalt vermessen, konnte jedoch außen, wo die eigentlichen Grundlagen seiner Zahlentheorie zu finden sein sollten, wenig ausrichten.

Petrie beschreibt dies in der Einleitung seines Buchs "The Pyramids and Temples at Giza" (wegen der spaßigen Sprache im kommentierten Original):

Here, then, was a field which called for the resources of the present time for its due investigation ; a field in which measurement and research were greatly needed, and have now been largely rewarded by the disclosures of the skill of the ancients, and the mistakes of the moderns. The labours of the French Expedition, of Colonel Howard Vyse, of the Prussian Expedition, and of Professor Smyth, in this field are so well known that it is unnecessary to refer to them, except to explain how it happens that any further work was still needed.
Though the French were active explorers, they were far from realising the accuracy of ancient work ; and they had no idea of testing the errors of the ancients by outdoing them in precision. Hence they rather explored than investigated. Col. Vyse's work, carried on by Mr. Perring, was of the same nature, and no accurate measurement or triangulation was attempted by these energetic blasters and borers; their discoveries were most valuable, but their researches were always of a rough-and-ready character.
The Prussian Expedition sought with ardour for inscriptions, but did not advance our knowledge of technical skill, work, or accuracy, though we owe to it the best topographical map of Gizeh.
When Professor Smyth went to Gizeh he introduced different and scientific methods of inquiry in his extensive measurements, afterwards receiving the gold medal of the Royal Society of Edinburgh in recognition of his labours. But he did not attempt the heaviest work of accurate triangulation. Mr. Waynman Dixon, C.E., followed in his steps, in taking further measurements of the inside of the Great Pyramid. Mr. Gill -now Astronomer Royal at the Cape- when engaged in Egypt in the Transit Expedition of 1874, made the next step, by beginning a survey of the Great Pyramid base, in true geodetic style. This far surpassed all previous work in its accuracy, and was a noble result of the three days' labour that he and Professor Watson were able to spare for it. When I was engaged in reducing this triangulation for Mr. Gill in 1879, he impressed on me the need of completing it if I could, by continuing it round the whole pyramid, as two of the corners were only just reached by it without any check."

Hier bewertet Petrie die Arbeit die vor ihm durchgeführt wurden. Sowohl die Franzosen als auch die "energischen Sprenger und Bohrer", Vyse :-), hätten eben mehr gestöbert als wirklich geforscht. Ihre Ergebnisse seien wichtig, aber ihre Untersuchungen eben sehr oberflächlich.
Die Preußen waren nur an Inschriften interessiert und fertigten eine topografische Karte der Umgebung, und Smyth sowie sein Nachfolger Dixon drückten sich um die wahre Aufgabe - die der Triangulation der Außenseiten. Statt dessen kümmerten sie sich nur um das Innere.
Mr. Gill hingegen war der erste, der die Pyramide auf echte geodätische Weise vermessen hatte. Der in die Berechnungen eingespannte Petrie wurde gebeten, diese Arbeit fortzuführen, da in den nur drei zur Verfügung stehenden Tagen erst zwei der vier Kanten der Pyramide gemessen werden konnten.

Petries Vermessungsnetz
Fig. 1 - Petries Vermessungsnetz
Im Weiteren beruft sich Petrie auf Smyth selbst, der eine Schrift mit dem Titel "Of the Practical Work still necessary for the Recovery of the Great Pyramid's ancient, from its modern, dimensions" verfasst hatte (Edinburgh Astronomical Observations, vol xiii,p.3). In diesem ruft er dazu auf, Geld zu sammeln um die wichtigen, noch völlig ungeklärten Fragen der Pyramide zu klären:
  • Horizontale Entfernungsmessung mit erstklassiger Präzision
  • Vermessung der Bodenunebenheiten bzw. der horizontalen Baupräzision
  • Vermessung der Eckwinkel, um die Quadratigkeit der Basis zu ermitteln
  • Astronomische Vermessung der Pyramide um deren Ausrichtung an den Himmelsrichtungen zu bestimmen
  • Lineare und Winkelmessung, kombiniert um die Höhe und den Neigungswinkel der Pyramide zu bestimmen, sowie genau bestimmte Punkte wie den Eingang zu bestimmen.

In dieser Schrift fordert Smyth also persönlich dazu auf, bitte noch mal all die Werte nachzumessen, über deren Existenz und unwiderrufliche Wahrheit er bereits 4 Bücher publiziert hatte :-)
Um zu belegen, daß die Smythschen Zahlenmysterien nicht auf Messungen sondern auf Annahmen beruhen, bedarf es eigentlich nicht mehr :-))

Und so machte sich dann Petrie mit "den besten Instrumenten, die einem Privatmann je zur Verfügung standen" für zwei Jahre auf nach Ägypten.
Petrie legte erstmals ein Vermessungsnetz an. Er trieb Grabungen bis zur Pyramidenbasis vor, legte von dort ausgehend in exakt definierten Abständen Vermessungspunkte fest und vermaß von dort Breiten und Höhen im Triangulationsverfahren. Dies ist natürlich erheblich genauer, als mit einem Maßband über Schutthügel zu balancieren. So konnte Petrie auch erstmals Niveauunterschiede des Pyramidenplateaus messen.

Die vermeintlichen Ecklöcher
Fig. 2 - Ecklöcher?
Eines seiner ersten Messergebnisse war sogleich das Ende der Pyramidenrätsel. Er legte erneut alle vier Ecklöcher frei, um deren Abstand zu messen. Zusätzlich legte er aber auf jeder Seite die Basis der großen Pyramide frei und setzte Vermessungspunkte auf das Ende der Verkleidung bzw. die deutlich sichtbaren ehemaligen Verkleidungsaufsetzpunkte. Seine ersten Berechnungen ergaben: Die drei Punkte lagen nicht auf einer Linie! Der Mittelpunkt an der Pyramidenbasis lag ein gutes Stück weiter einwärts, darüber hinaus differierten die Höhen der Niveaus, die beiden Eckpunkte lagen 0,5 und 1,1 Meter unter dem Niveau mittleren Pflasters! Augenscheinlich war man fast 100 Jahre lang einem Phantom aufgesessen.
Petrie versuchte mit einer Eigenkonstruktion noch, die Löcher als Fundamente der Ecksteine zu retten:

Petries Sockelkonstruktion
Fig. 3 - Sockelkonstruktion
Er nahm an, daß die Ecksteine tatsächlich in den Sockellöchern steckten, die aber unterschiedlich tief waren. Daher, so seine Idee, sei ein auf allen Seiten gleich hohes Pflaster über die Fundamente gelegt worden, und die wahre Breite der Pyramide sei durch die Durchbruchstellen durchs Pflaster gebildet worden. Die wahre Breite der Pyramide war damit erneut erheblich kleiner geworden als noch bei Smyth, und selbst diese Breite überlebte die Freilegung der Pyramidenseiten 1925 nicht. Dennoch waren Petries Ergebnisse schon sehr genau, sie weichen nur um rund 4 Zentimeter von den modernen ab. Seine gemittelte Pyramidenbreite: 9068,8 Zoll oder 230,348 Meter statt der von Smyth für seine Thesen benötigten 9140 Zoll bzw. 232,156 Meter.

Anmerkungen:
[1] All dies und mehr findet man in der offiziellen Petrie-Biographie: Margaret S. Drower; A life in Archaeology", University of Wisconsin Press 1985
[2] Petrie, Flinders; The Pyramids and Temples of Giza, London 1983
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Alle Bilder und Texte © Frank Dörnenburg