Pyramidenrätsel

Pyramidenrätsel

Neben der "Unmöglichkeit" die Pyramiden von Menschenhand bauen zu können gibt es einen zweiten Hinweis darauf, daß sie nicht von den Ägyptern der damaligen Zeit geplant worden sein können. Denn sie enthalten verblüffende Zahlenverhältnisse, die Konstanten ähneln, die den Ägyptern nicht bekannt waren. So die Kreiszahl Pi (Π), das Verhältnis des "Goldenen Schnitts" Phi (φ), der Abstand Erde/Sonne, der Erddurchmesser und vieles mehr.

Schaut man sich die Geheimnisse aber einmal genauer an, so stellt man fest, daß sie alle irgendwie nicht so richtig hinhauen. Die Ergebnisse sind oft nahe dran, aber doch mit so großen Fehlern, daß man nicht von Intentionen der Bauherren ausgehen kann. Allerdings ist die Pyramiden-Numerologie keine Erfindung irgendwelcher moderner Esoteriker, sondern hochkarätiger Fachleute des 17-19. Jahrhunderts. Viele illustre Namen sind darunter, so Isaak Newton (ja, der mit dem Apfel) oder der schottische Astronom Piazzi Smyth. Die werden sich doch nicht mit "ungefähr" zufrieden gegeben haben?

In der Tat findet man in der Literatur, die Pyramidengeheimnisse auflistet, oft Formulierungen wie "genau bis zur 8. Nachkommastelle" oder andere, eigentlich unmögliche Behauptungen. Als ob die Urheber der Berechnungen andere Maße verwenden wrden als die heute etablierten. Und in der Tat gibt zumindest ein moderner Zahlenmysiker, Klaus Schroer, zu, bewusst die Messungen der Napoleon-Expedition von 1799 zu benutzen, da moderne Messungen "ideologisch vorbesetzt" durchgeführt worden seien, und man daher nur den völlig wertfrei durchgeführten frühen Messungen, als noch kein Wissenschaftler eine Theorie beweisen wollte, trauen könne.

Auf den folgenden Seiten werde ich daher einmal einen Blick auf die Methoden werfen, mit denen die Zahlenmystiker ihre Basiswerte ermittelten, und sie mit den Methoden der späteren Forscher vergleichen.

Der Anfang der Pyramidenmystik

Die Pyramiden galten in der gesamten Neuzeit als mystisch. In ihrer Anonymität (außen und innen befanden sich keinerlei Schriftzeichen) wirkten sie wie Fremdkörper zwischen den von Inschriften strotzenden anderen ägyptischen Bauten. Und so kamen schon früh Gedanken auf, daß diese Bauten nicht von Ägyptern geschaffen wurden. Ganz eindeutig, in ihrer Perfektheit waren sie ein Zeichen Gottes, und so nahm man an, daß Abraham und sein Volk diese Bauten lange vor den Ägypter errichteten, daß sie schon alt waren, als die ersten Ägypter ins Niltal zogen.
Faszinierenderweise unterscheidet sich diese Ansicht wenig von der moderner Pyramidenmystiker, nur daß heute eben nicht Gott, sondern Aliens oder Überlebende von Atlantis als Urheber herhalten müssen.

Richtig populär wurde die Zahlenmystik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als erstmals genaue Messungen mit modernen optischen Geräten durchgeführt wurden, und frühere Vermutungen wie die von John Taylor aufs Beste bestätigt wurden.

Piazzi Smyth gibt auf den ersten 50 Seiten seines Buchs The Great Pyramid[1] Auskunft darüber, welche Werte Taylor für sein Basiswerk der Zahlenmysterien (The Great pyramid - who built it, and why) zur Verfügung standen, wie diese gewonnen und wie sie interpretiert wurden. Weiter beschreibt Smyth die in seinem Auftrag durchgeführten Messungen eines schottischen Ingenieurteams und seine Verwendung der gewonnenen Werte. Ich werde im Anschluss die wesentlichen Passagen dazu übersetzen. Wer an dem englischen Originaltext interessiert ist, muss warten bis die englische Seite zu dem Thema fertig ist :-)

Taylors Pi

Pi war nach Ansicht von Taylor das größte Geheimnis in der Pyramide. "Entdeckt" (eher: produziert) wurde es auf eine heute kaum fassbare Weise:

"Aber die Pyramide muss schärfer getestet werden; ... so kehren wir zurück zu der Neigung der beiden Verkleidungsblöcke die auf so glückliche Weise von Colonel Howard Vyse im Jahre 1837 entdeckt wurden und die, wie er sagte, in der alleruntersten Ebene der nördlichen Pyramidenseite lagen.
Der extreme Wert dieser winkligen Überbleibsel liegt nicht nur darin, daß sie ganz unten liegende Verkleidungsblöcke und offensichtlich ungestört in Situ liegend sind, und daher zeigen wie großartig die Außenseite der Pyramide einst war ... ; sondern weil sie in so perfekter Handwerkskunst ausgeführt sind...
[...]
Der Winkel wurde sehr sorgfältig von Mr. Brettell, Ingenieur für den Colonel (Vyse, FD) gemessen und ergab 51 Grad 50 Minuten; und extrapoliert durch Messungen der Seiten durch einen anderen Ingenieur ergab sogar 51°52'15.5".
Die Resultate sind in der Tat nicht übereinstimmend, und sie könnten mit mehr Zeit sorgfältiger gewonnen worden sein; Dennoch sind sie gut passend zueinander, wenn man sie mit der französischen Winkelmessung vergleicht (die stattfand bevor es eigentlich überhaupt etwas zu messen gab außer den ruinierten, verformten Seiten der Ruine) von 51°19'4"; oder sogar mit den Werten anderer moderner Vermesser, die völlig unsinnig sind und zwischen 40° und 60° liegen.
Insgesamt kann man leichten Herzens sagen, daß der alte Bauwinkel irgendwo zwischen 51°50' und 51°52'15.5" liegen muss, wobei wir (Taylor & Smyth, FD) Gründe dafür haben zu glauben, daß der Winkel 51°51' und ein paar Sekunden betragen haben muss. Auch wenn wir die Sekunden noch nicht nennen können - eine Sekunde ist ein geradezu winziger betrag selbst mit astronomischen Messverfahren. Aber nehmen wir einfach mal 14,3" an und projizieren den Winkel von 51°51'14,3" mit der Basisbreite aus den erwähnten linearen Messungen von 763,81 britischen Fuß und rekonstruieren daraus die Höhe nach der wir so lange gesucht haben, dann erhalten wir 486,2567 Fuß. Und mit diesen beiden Werten für die ursprüngliche Höhe und der Basisbreite, verwenden wir sie als das Verhältnis von Durchmesser zu Umfang, so erhalten wir 486,2567 / 763,81 x 2 = 3,14159. Und dieses Ergebnis zeigt in aller Klarheit, daß die große Pyramide, so genau wie mit den besten Messungen nachzuvollziehen ist, den wahren Wert von Pi repräsentiert; so genau, wie es Menschen erst seit kurzem interessiert, lange, lange nach dem Nationen und Königreiche über die große Pyramide hinweg verflossen sind; und welches zeigt, daß diese Pyramide ein patriarchalisches Werk ist mit dem Alter der Erde, wie in der heiligen Schrift beschrieben."[2]

Das Vorgehen Taylors und Smyths ist verblüffend.

Taylor und Smyth erhalten ihr Basisrätsel also nicht dadurch, daß sie Messungen durchführen und anhand dieser Messungen plötzlich sagen "Heureka, das ist ja Pi", sondern indem sie einen Wunschwert (eben Pi) in ein von ihnen aufgespanntes Meßintervall hinein projizieren und diesen vorbereiteten Wert dazu benutzen, dieselbe Basiseinheit herauszuziehen, die sie vorher hineingesteckt haben. Sie fangen also bereits mit einer Prämisse an und biegen die Resultate passend zurecht.

Smyth wertet sogar den Misserfolg, nicht einen einzige Stein mit dem Wunschwinkel gefunden zu haben, als Erfolg. Denn, er schreibt:

"All diese Mühen wurden übertroffen durch die Arbeit meines Freundes Mr. Waynman Dixon, der, ausnutzend daß er einen Graben durch den Schutthaufen um die große Pyramide trieb ... einen fast vollständigen Verkleidungsblock fand. Kein sehr großer, und ein loser ebenfalls, aber mehr oder weniger mit allen Proportionen auf allen sechs Seiten. ...
Dieses einmalige Exemplar schickte er mir aus Ägypten als Geschenk, ich habe es in einem Glaskasten im königlich Astronomischen Institut aufgestellt, wo es vermessen wurde, und der aufsteigende Winkel wurde zwischen 51°53'15" und 51°49'55" gemessen; so nah am typischen Pyramidenwinkel von 51°51'14" wie bei allen Fragmenten, die man bislang um die große Pyramide finden konnte."[3]

Also, es wurde kein einziges passendes Fragment zu Taylors und Smyths Theorie gefunden - dennoch gilt hier bereits der eine Seite zuvor theoretisierte Wert als "typisch", als Fakt. Eine Methode zur Schaffung der eigenen Realitäten wie auch leider heute noch in der Grenzwissenschaft weit verbreitet.

Anmerkungen:
[1] Smyth, Piazzi; The Great Pyramid; Its Secrets ans Mysteries revealed, Originaltitel Our Inheritance in the Great Pyramid, London 1880
[2] Smyth, S. 25-28

[3] ibd, S. 29
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Alle Bilder und Texte © Frank Dörnenburg